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Bericht von Anton

So gegen 14.30 Uhr, so ich mich recht erinnere, mit Judy und Werner weissweingefrühstückt. Da wird mir, Auvernier-Père-&-Fils-gekühlt von innen, von Aussen durch die frühlingshafteste Sonne seit Fasnachtsgedenken gewärmt, paukenschlagartig sternenklar: Dies hier ist nicht Venedig, Königin der Meere, Perle der Adria, das ist nicht Karneval, hier ist verzaubertes St. Galler Rheintal, hier ist wahre Fasnacht und , ich weiss es genau, es ist Dienstag. Alles unter meiner klassisch venezianisch weiss-schwarzen Schminke verflucht jetzt den Augenblich, an dem ich, mit Sicherheit ein anderer als ich heute, den Auftrag übernahm, dies Tagebuch zu schreiben, schreibend zu erinnern, welcher Tag wann war und was zu welcher Stunde wo und wie geschehen. Fasnacht war für mich immer schon etwas vom Wertvollsten, Überschreitung, Bruch im geregelten und eintönigen Zeitablauf, die grosse Zeitlose, sekunden-, stunden-, tag- und nachtegal. Und jetzt das!

Montag. Fast ist Nacht, Fastnacht oder Fasnacht alleweil, zwei Nächte schon, Freinächte wohlverstanden, seit wir – Motto Venedig – unter unseren Arlecchino, Pulcinella-, Pantalone- und Dottore-Masken in im Detail den Trachten und Kostümen des venezianische Settecento nachempfundenen bunten Gewändern Samstagabend Winterthur verlassen haben, um, fernab von zu Hause, fremden Volkes Aug und Ohr und Herz, vor allem aber uns selbst, wie schon seit 26 Jahren als Guggenmusik Eulalia zu erfreuen. Noch vor dem Cliquenball erlebe ich, während der Herren-Abfahrt am TV, eins der einschneidensten Faschingsstücke: die unglaubliche Verwandlung zweier Österreicher. Selten gesehen, wie rasch sich, ohne fremdes Zutun, zwei Zivile von Hochrot auf Aschgrau um geschminkt und dann fas unbemerkt das ungastliche Schweizer Restaurant verlassen haben.

03.14 Uhr
Dienstag also, Demaskierung längst vorbei, beginne ich, zusammen mit Bierbrauer Hampi, der seit nunmehr sechs langen Jahren erstmals nicht schläft, die Frei-Nacht zu geniessen. Die anderen sind heimwärts gefahren. Der Jubiläumsumzug der Altstätter Röllelibutzen (das sind die auf der 35er-CH-Brauchtumsbriefmarke) liegt hinter mir, x-mal habe ich im „Sternen“, im „Untertor“, in der „Sonne“ „Carmen“, „Obladi“ und „Döt äna am Bärgli“ vielstimmig und mit Inbrunst intoniert, sitze dementsprechend mit gesprungenen Lippen und mit vom Bass-Schleppen geschwollenem Oberarm vor einer längst erkalteten Einheimischensuppe. Abwechselnd kalte und warme Schauer überdauernd, von einem penetranten, schönmädchen- verscheuchenden Blechduft umflort, lasse ich friedlich den Ball über mich ergehen, verliebe mich gegen 08.00 Uhr ins Vogelnest der Ballkönigin, bringe ab 08.18 Uhr kein Bier mehr runter und lande nach ein paar Stunden unruhigsten Schlafs und ebensolcher Autofahrt gegen 18.30 Uhr im unfasnächtlichen Zürich. Jetzt erlebe ich sie, die ganz weiche Trance – wiewohl finstere Nacht, ich seh es genau: Alle Zürcher sind uniform.