1991, Anton spricht

(K) ein erquickliches Märchen zur moralischen Erbauung fangebliebener Passiver.

Liebe Passive

Es war einmal, ein Viertel Jahrhundert ist es her, da zog aus der Stadt am Eulach-Bache eine heere Schar wildentschlossener und draufgängerischer Jungmänner von edelstem Geblüt aus, um die Welt mit ihren Hörnern, Pauken und Schalmeien zu verunsichern. Es waren ihrer fast dreissig an der Zahl und bald ging landauf landab, ja über die Landesgrenzen hinaus die Kunde von den sagenhaften Musikanten, die die ganze Welt bald nur noch nach dem Vogel in ihrem Banner, Eulalia, rief.

Die berühmten Musikanten hatten nur einen Fehler: Sie spielten „nur einen Don (was allerdings nur die wenigsten merkten). Trotzdem scharte sich um sie eine stattliche Anzal gutbetuchter und wohlhabender Mitbürger, die der Eulalia musikalisches und sonstiges Treiben mit einem jährlichen Obulus unterstützten, wofür sie die Eulalia alljährlich musikalisch und kulinarisch in reichlichem Masse entschädigte.
So lebten diese lustigen Musikanten denn jahrein jahraus in Saus und Braus, und ihre Scheunen, Geldbeutel und Bäuche wurden immer praller.

Nur das gemeine Volk wurde immer anspruchsvoller, verlangte immer mehr Farben und Geglitzer und wollte auf einmal mehr als "ein Don". Andere Winterthurer Stadtmusikanten, ähnliche Gruppen, schössen wie Pilze aus dem Boden - und die spielten bereits zwei bis drei "Döne" mehr. Da war guter Rat teuer. Um eine Lösung selten verlegen engagierten der Obertrompeter von Winterthur, Suri und seine tapferen Mannen aus dem Gremium im ganzen Lande berühmte Meister des Faches,die in fremden Städten die nötigen "Döne" genau studiert hatten. Und alsbald spielten die tapferen Musikanten unter deren fachmännischer Fuchtel (und nach nächtelangen Proben wohlverstanden) weit mehr als 50 "Döne", bald einmal Schlager und Märsche, zum Schlüsse gar ganz Operetten.

Freilich ging dieser ganze Wandlungsprozess an der Eulalia nicht spurlos vorüber: Viele waren den "höheren Dönen" nicht gewachsen und warfen die Posaunen schnell einmal ins Korn, die einen rafften heimtückische Seuchen vorzeitig hinweg, viele wurden von bösen Hexen verzaubert, wieder andere suchten als Reisläufer bei fremden Musikanten ihr Glück. So geschah es denn, weil der Obertrompeter und die meisten seiner Eulalianer nach wie vor ohne entsprechend begabten Nachwuchs dastehen, dass die Gruppe zwar auf mehr als die Hälfte der Mitglieder zusammenschmolz, an musikalischen Qualitäten aber um ein vielfaches emporwuchs.

Damit nun diese nunmehr nur noch 12 Männlein und das einzige Fräulein die Sinne der Mitwelt auch fürderhin mit ihren nun schon mehr denn "1001 Dönen" erfreuen können, erlaubt sich der Obertrompeter und sein tapferes Gremium, den Obulus der treuen Passivengemeinde in der schwindelerregenden Höhe von sechs Goldstücke a fünf Gulden (in der heute gängigen Währung SFR. 30.--) beizubehalten. Damit helfen alle Begüterten und Gutbetuchten passiven Eulalianer mit, unser diesjähriges Märchen wahrzumachen. Und wenn sie bis dann nicht völlig vom Laster dahingerafft sind, spielen sie Euch und sich auch im nächsten Jahr wieder weit mehr als "1001 Don".

Euer vom Obertrompeter zum Märchenerzähler verdonnerter antonaler Bassist
Anton



PS.

Da am Samstag, dem 9. Februar, dem Tag unseres Auswärtsauftrittes, mehrere unserer Aktiven das Vaterland gegen den Krieg schützen, sich von der harten Probentätigkeit oberhalb der Nebeldecke zwangserholen oder im leidigen Beruf den Dornröschenschlaf des Gerechten zu schlafen gezwungen sind, wird Euch lediglich ein Fähnlein von neun Aufrechten im Hotel Winterthur auf irgend eine Art zu unterhalten wissen oder Euch doch wenigstens vom Zugfenster (Abfahrt ca. 1800 Uhr, Gleis 2) freundlich zuwinken.

Der Wolf und die 8 Geisslein sowie der übrige Rest hoffen auf Euer Verständnis.